Zeit für Wahlkampfphrasen

Verehrte Leser*innen,
in der Woche vor der Wahl des Studierendenparlaments und während der Wahlwoche, werden Euch eventuell Wahlplakate an Litfaßsäulen auffallen, oder auch Artikel im Wahl-Ventil, in welchen bestimmte Stichworte vorkommen. Einige dieser Stichworte möchte ich Euch heute vorstellen und erläutern warum sie völliger Unsinn oder total nichtssagend sind und deswegen auch garantiert von der GAL nicht genutzt werden.

„Ideologiefrei“
Gerne auch als „Vernunft statt Ideologie“ deklariert. Dieser Begriff soll suggerieren, dass andere Listen nicht in der Lage sind ihre Entscheidungen, die sie im Parlament vertreten werden, rational zu begründen und stattdessen von einer irgendwie gearteten „Ideologie“ geleitet werden, der sie blind folgen, auch wenn alle Argumente gegen eine von dieser „Ideologie“ propagierten Lösung sprechen. Unterschwellig wird gerne linken Listen unterstellt sie werden von „Ideologien“ geleitet (wollen eine „Ökodiktatur“ einrichten, oder seien „kommunistisch“).
Wikipedia definiert Ideologie wie folgt: „Als wertfreier Begriff ist Ideologie „die allen politischen Bewegungen, Interessengruppen, Parteien, aber auch Konzepten immanente“ Summe der jeweiligen Zielvorstellungen.“
Das heißt, dass jede Liste eine Ideologie haben sollte, da sie sonst offensichtlich keine Zielvorstellungen hat und keine Verbesserung der Universität, der Situation Studierender etc. erreichen will. Warum eine ideologiefreie Liste überhaupt für ein Parlament kandidieren wollte, kann sich mir dabei nicht erschließen.

Fazit: Jede Liste die behauptet, sie sei ideologiefrei, lügt, hat keine Ziele oder ist unglaublich dumm und somit deiner Stimme nicht würdig.

Eine abgeschwächte Form dieser Phrase ist auch das allseits beliebte „pragmatisch“. Es soll auf ähnliche Art und Weise suggerieren, dass die sich bewerbende Liste sich bei der Fällung von Entscheidungen nach gerade gegebenen Umständen „Vernunft-geleitet“ richtet, während andere Listen wieder stumpf nach ihrer „Ideologie“ Entscheidungen treffen würden.
Dass manche Zielsetzungen als Grundpositionen unter keinen Umständen aufgegeben werden sollten, scheinen die „pragmatischen“ und „ideologiefreien“ Listen nicht zu verstehen.

„Die Stimme der Vernunft“
Dies wird auch wie in obigem Beispiel gerne mit dem Begriff der „Ideologiefreiheit“ kombiniert. Letztendlich suggeriert es ganz ähnlich zu „pragmatisch“ und „ideologiefrei“, dass andere Listen „unvernünftig“ also nicht rational begründete Entscheidungen treffen könnten.
Wer das ernsthaft glaubt, der sollte vielleicht an seiner eigenen „Vernunft“ zweifeln.
Auch suggerieren (fast) alle Argumentationen in Verbindung mit dem Wörtchen „Vernunft“, die Liste wäre im Besitz der „Wahrheit“ und würde immer „richtig“, weil Vernunft geleitet, entscheiden. (Was man wiederum gerne den nicht „ideologiefreien“, „verblendeten“ Listen unterstellt.)

Fazit: Jede Liste, die behauptet sie würde vernünftig handeln, andere Listen würden dies nicht tun, spricht einem großen Teil der gegnerischen Kandidaten die Mündigkeit ab. Was für A_______r. Sie verdienen deine Stimme nicht.

„Unabhängig“
Viele Listen rühmen sich mit dem Wort „unabhängig“. Damit wollen sie suggerieren, dass sie unabhängig von Parteien und (politischen und unpolitischen) Organisationen aller Art seien. Anderen Listen wird damit unterschwellig unterstellt, dass sie gelenkte Puppen von mächtigeren Organisationen, z.B. Parteien seien, bei Entscheidungsfindungen nicht die Interessen der Studierenden vertreten könnten, sondern stattdessen, vor der Parteilinie einknicken. Da jeder die „Underdogs“ mag und Parteien sowieso gerne Machtbesessenheit und Bestechlichkeit unterstellt wird, sind solche Slogans auch sehr populär.
Leider sind sie auch unglaublich nichtssagend. Selbst der RCDS und die Jusos sind „Partei-unabhängig“, wenn auch parteinah. Wer wirklich glaubt, dass andere Listen von „höheren Mächten“ kontrolliert werden, sollte sich der nächstbesten Gemeinschaft für Verschwörungstheoretiker anschließen.

Fazit: (So gut wie) Jede antretende Liste ist unabhängig. Einfach nur eine gut klingende Phrase.

„Unpolitisch“
Soll oft eine Mischversion aus „(partei)-unabhängig“ und „ideologiefrei“ sein. Ist aber einfach nur doof. Unpolitische Listen in einem Parlament; was für ein Alogismus.

Fazit: So blöd, dass es nicht weiter kommentiert werden muss. Du wählst so was doch nicht.

Nachschlag: Wer wirklich glaubt, die LHG sei „ideologiefrei“, dem/der kann ich leider auch nicht mehr helfen.